Schall und Rauch

By Johannes Hansknecht

Es gibt Artikel über den S04, die sind so blöde unfaßbar „gehaltvoll“, daß man weinen möchte.

Diesmal hat sich ein gewisser Tobias Schall in den Stuttgarter Nachrichten ausgekotztlassen (zitiert nach indirekter-freistoss.de):

„Schalke ist Ligaspitze in Sachen Antipathie und hat die Bayern vielerorts als Feindbild abgelöst. Der Jubel in den Stadien, wenn während der Spiele Gegentore für Schalke eingeblendet werden, ist ein gutes Indiz für das Stimmungsbarometer im Fußball.“

Soso, in anderen Bundesliga-Stadien bricht also Jubel aus, wenn Schalker Gegentore eingeblendet werden. In wievielen der 17 Stadien? Wurde das recherchiert? Oder stützt Herr Schall seine Beobachtungen auf Spiele in bspw. D-mund, Köln, Bremen, Bochum oder München?

Ja? „Nihil nove sub sole.“ Dort wurden Schalker Gegentore schon immer bejubelt.

„Im Vergleich zu Schalke erreicht Hartmut Mehdorn Sympathiewerte von putzigen Robbenbabys.“

Der Autor mag unpassende Metaphern und schiefe Bilder.

Warum ist der S04 so unbeliebt? Ganz einfach, meint Herr Schall, der Tag ging, Johnny Walker kam. Nein, Quatsch:

Nach 2001 kam das Geld in den Pott, und es ging die Sympathie.“

Natürlich, das liebe Geld. Knietief watet der Autor in Klischees. Und auch immer schön, wenn man Geld-Neid-Reflexe bedienen kann. Was genau soll der Vorwurf sein? Das investiert wurde? In Steine und in Beine? Was Fußball-Clubs eben so tun?

„Nach 2001″ – die Mitleids-Welle, die uns nach der „Vize-Meisterschaft der Herzen“ überrollte (und auf die der Autor wohl anspielt), war beinahe schlimmer als die verpasste Meisterschaft selbst.

Dann wird’s richtig übel:

„Das alte Schalke war Geschichte, Schalke 2.0 war geboren. Scampis statt Maloche. Das neue Stadion, der blaue Planet, Gasprom, viele Euro aus dubiosen Quellen,“

Welches „alte Schalke“ ist gemeint? Die Zeit, in der die Spieler tagsüber einfuhren und abends trainierten? – Wir stecken hüfttief in den Klischees.

„Schalke 2.0″ – Hier wird keine unpassende Anspielung ausgelassen. Wenn das „web 2.0″ eine Chiffre für das „Mitmach-Netz“ sein soll – ist „Schalke 2.0″ dann das „Mitmach-Schalke“? So ähnlich wie bei Fortuna Köln? Und hätte das nicht eigentlich etwas Sympathisches? Und was hat das alles mit der Schalker Realität und Unbeliebtheit zu tun?

„Scampis statt Maloche.“ Grundgütiger. Schultertiefe Klischees. Wo gibt es in der Arena eigentlich diese sagenhaften Scampis? In den VIP-Logen? Oder ist das ein Vorwurf an die Spieler? Essen zuviel Scampis und malochen zu wenig? Zugegeben, es gibt Spiele, wie z.B. in Bochum, da ist der Vorwurf, daß sie „den Verein im Stich gelassen haben„, berechtigt. Und vielleicht gab’s vor dem Spiel auch Scampis.

Das neue Stadion, “ – Wegen des neuen Stadions ist Schalke unbeliebt? Steiler Zahn. Quatsch, -r These.

„der blaue Planet,“ – „Blauer Planet“ ist ein Synonym für die Erde. Also Schalke ist ja sicherlich ‘ne große Nummer, aber uns gleich mit Mutter Erde gleichzusetzen … Oder war mal wieder was ganz anderes gemeint? Etwa eine – natürlich verunglückte – Abwandlung der betagten Metapher vom „Raumschiff Bonn„?

„Gasprom,“ – Natürlich, Gasprom. Der Gasprom-Deal ist ein Sponsoren-Deal. Nicht mehr und nicht weniger. Auch wenn das vielen Journalisten nicht klar ist. (Latenten Rassismus in Form von Russophobie unterstelle ich dem Autor jetzt mal ausdrücklich nicht. Obwohl …) Moralisch so sehr oder wenig verwerflich, als würde sich ein Verein an Adidas, die Commerzbank oder die HSH Nordbank verkaufen als Sponsorpartner auswählen.

Und das nur nebenbei: Über allem steht beim S04 der Verein. Den die Mitglieder entsprechend der Satzung kontrollieren. Keine ausgelagerte GmbH & Co. KG mit oder ohne aA oder was weiß ich.

„viele Euro aus dubiosen Quellen,“ – Die Quellen würde ich jetzt mal gern mal benannt wissen. Und zwar konkret! Oder sind hier etwa die Privatdarlehn einiger Schalke-Funktionäre gemeint, die in den letzten Jahren gewährt wurden? Da werden sich die betreffenden Herren (z.B. Aufsichtsrats-Chef Clemens Tönnies, auch Vereins-Präsi Jupp Schnusenberg, wenn ich das recht erinnere) aber bestimmt freuen, daß Herr Schall sie für „dubios“ hält.

Was noch? „einige Spieler mit schwierigem Charakter“, sowie „manch unglückliches Auftreten“.

Welche Spieler sind gemeint? Wahrscheinlich Rafi, auf dem hackt die Journaille ja immer gerne rum. Meistens zu Unrecht.

Wer noch? Lincoln vielleicht. Kein schlechtes Beispiel, nur leider schon seit 1 1/2 Jahren nicht mehr im Verein.

„Manch unglückliches Auftreten.“ Ja, die Außendarstellung. Das ist ‘ne Baustelle – eine von vielen.

Und nun zum Höhepunkt:

Der Arbeiterverein ist binnen kurzer Zeit zu einem Vorreiter des Manchester-Kapitalismus im deutschen Fußball geworden.“

Kapitalismuskritik – Yeah, Baby!

Angewandt auf den „Malocher-Club“, das ist doch beinahe Dialektik, und zwar vom feinsten und wird vielleicht auch den verantwortlichen Redakteur davon überzeugt haben, diesen unerträglichen Riemen ins Blatt zu hieven.

Ausgerechnet Schalke ist der „Vorreiter des Manchester-Kapitalismus im deutschen Fußball“. Was bedeutet der Begriff „Manchester-Kapitalismus“, wie soll man ihn auf den Fußball im allgemeinen und auf Schalke (sic!) im besonderen anwenden?

Probieren wir’s mal, indem wir einige der typischen Auswüchse des Manchester-Kapitalismus nehmen und prüfen, was das mit der Schalker Wirklichkeit zu tun hat.

Überlange Arbeitszeiten? Für wen? Die Profis? Die können ruhig mal was mehr tun.

Kinderarbeit? Äh, wohl weniger.

Willkürliche Behandlung? Hm. Von Auswärts-Fans zum Beispiel? Touché. (Warum bin ich mir allerdings sicher, daß Herr Schall sicherlich nicht dieses Beispiel im Kopf hatte?)

Hungerlöhne? Für die Spieler, oder wie? Wohl kaum. Ich sage nur: 55 Millionen. (Gut, inzwischen wohl was weniger.)

Ausbeutung? Der eigenen Fans? Naja, Parkstadion-Preise zahlen wir nicht mehr, aber wir gehen ja auch schon lange nicht mehr ins Parkstadion.

Schutzlosigkeit bei Arbeitsunfällen, Altersarmut? Spätestens hier merkt man, wie wenig Substanz hinter dem Vorwurf „Manchester-Kapitalismus“ steckt.

Fazit: Es mag ja sein, daß die Beliebtheit des S04 gesunken ist. Die möglichen Ursachen werden allerdings gerade mal am Rande gestreift.

Stattdessen wird in Klischees gebadet, mit unpassenden Bildern polemisiert, waghalsige Behauptungen werden unbelegt aufgestellt. Gekonntes Schalke-Bashing geht anders.

Ganz generell paßt dazu, daß ich die fundierteste Vereinskritik regelmäßig auf Schalke-Mailing-Listen und in S04-Blogs finde – sehr selten in den Medien.

Schließen möchte ich mit den Lokalmatadoren:

Schlagworte: , , , , , ,

Eine Antwort schreiben